Geschichte der Glocken

Die Beschützer der Gemeinde

Die freie königliche Bergstadt Kašperské Hory - Bergreichenstein war dank ihres Reichtums aus Goldgruben, Handel auf dem Goldenen Steig, Viehzucht, Holzwesen und ausgedehntem Landbesitz, einschließlich ausgedehnter Wälder, ein wichtiges Zentrum des Mittleren Böhmerwaldes. Der höhere Lebensstandard derörtlichen Bürgerschaft spiegelte sich nicht nur im äußeren Erscheinungsbild der Stadt wider, sondern auch in einem höheren Aufwand für die kulturelle Repräsentation der Stadt, wozu auch ein respektablesGlockengeläut zählte. Ähnlich wie überall, auch in Kašperské Hory - Bergreichenstein gehörten früher die Glocken zu der alltäglichen Realität eines Menschenlebens. Sie ermutigten zu Gebeten, luden zu Gottesdiensten ein, beweinten die Toten, begrüßten das neue Leben und feierten und teilten laut jede festliche Freude der ganzen Gemeinde mit.

Die Brände

Das Schicksal der Bergreichensteiner Glocken ist eng mit der Geschichte der Stadt und deren Sakralbauten verknüpft. Der wichtigsten, der St. Leonhart- später St. Margareten-Kirche im Stadtzentrum, in der Mitte des ausgedehnten Marktplatzes, widmeten die Bewohner hohe Aufmerksamkeit. Die örtlichen Patrioten nannten diese Kirche (im Jahre 1930 zur Erzdekanatskirche erhoben) sogar stolz: „Dom des Böhmerwaldes“. Die Glocken dieser Kirche wurden erst im 18. Jahrhundert erstmals schriftlich im Zusammenhang mit Katastrophen erwähnt, die den Kirchturmpasting betrafen. Am 27. September 1773 brach ein vernichtender Brand im Kirchturm aus, der 5 Stunden dauerte und alle Glocken, auch die Uhrglocken schmelzen ließ. Wir haben keine näheren Angaben über die Form und Größe dieser Glocken.

Wahrscheinlich unter Eindruck dieser tragischen Ereignissen entschieden sich die Bergreichensteiner sofort für eine erneute Renovierung der Kirche, sowie für die Rekonstruktion des Turmes und auch für den Erwerb neuer Glocken. Die Stadt vergab die Herstellung von vier neuen Glocken und zwei Uhrglocken an den Pilsener Glockengießer Jakub Vilém Seitz, der als ein im ganzen Land berühmter Metallgießer galt. Seine Signatur brachte sein unerschütterliches Selbstbewusstsein zum Ausdruck: „Durch Feuer und Hitz bin ich geflossen. Jakob Wilhelm Seitz hat mich zu Ehren Gottes gegossen.“

Es sind kaum sechs Jahre vergangen, da zerplatzte die große Glocke, als sie heftig Sturmwolken anläutete. Die Glocke wurde vom Turm geholt und im Jahre 1782 zum Wiedergießen dem Glockengießer Jan Jiøí Kühner auf der Prager Kleinseite übergeben. Alle diese Glocken fielen leider nach Jahrzehnten einem großen Unglück zum Opfer, das Kašperské Hory - Bergreichenstein im Advent des Jahres 1863 traf. Ein riesiger Brand zerstörte damals 35 Häuser total, 106 Familien verloren das Dach über dem Kopf, die Stadt und ihre Bewohner erlitten einen nicht bezifferbaren Verlust. Die Hitze schmolz auch alle Kirchenglocken, das Sakristeigewölbe brach unter dem Gewicht der verflüssigten Glockenmasse zusammen.

Der Chronist Engelbert Panni schildert erkennbar mitleidend die Katastrophe: „Die von unseren Großeltern im Jahre 1775 erworbenen schönen Glocken wurden für immer still, in ganz kleinen Hitzetropfen schmolz das Metall unseres melodischen Klingens, das unsere Urvorfahren vielmals zu den Gottesdiensten und Gebeten zusammenrief, das durch unsere Freude sowie Leid klang.“ 

Während der Beseitigung der Folgen dieser großen Katastrophe berücksichtigte die Gemeindevertretung von Anfang an auch die Erneuerung der schmerzhaft vermissten Glocken als Priorität. Sie hat sich mit der Bestellung unverzüglich an den Glockengießer Ignác Hilzer (1810 - 1880) und dessen Werkstatt gewendet, die in Wiener Neustadt ihren Sitz hatte. Es handelte sich um die damals bedeutendste und größte Glockengießerei in der ganzen österreichischen Monarchie; Hilzer trug sogar den Ehrentitel „k. k. Hofglockengießer“. Für die Stadt Kašperské Hory - Bergreichenstein hat er 5 Glocken und 2 Uhrglocken hergestellt.

Kriegskonfiskationen

Nicht nur das Feuer, sondern vor allem die Kriege (insbesondere des 20. Jahrhunderts) wurden zur wichtigsten Bedrohung für die Glocken. Der Kriegssturm verwandelte diese Friedensboten in Vernichtungsgeräte - in Patronenhülsen und Kanonen. Der Mangel an Buntmetallen während des Ersten Weltkrieges zwang die Länder Glocken in einem solchen Ausmaß zu beschlagnahmen, wie es die Geschichte noch nie gekannt hat. Die Konfiskationen begannen im Sommer 1916 und dauerten bis Ende des Krieges im Jahre 1918. Mit den Konfiszierungen wurden spezielle militärische Einheiten, die sogenannten „Glockenkommandos“, betraut. Ihre Aufgabe war es, nicht nur die Glocken abzunehmen, sondern auch ein entsprechendes Protokoll darüber zu erstellen. Der Akt der Glockenabnahme löste jeweils starke Emotionen aus und zog die Aufmerksamkeit der breiten Öffentlichkeit auf sich. In Kašperské Hory - Bergreichenstein wurden die Glocken im November 1916 und Oktober 1917 abgenommen. Die Leute aus der Stadt sowie aus der Umgebung schafften es, sich von den Glocken ehrwürdig zu verabschieden, wie es die folgenden Zeilen aus der Pfarrchronik nachweisen: „...Da gab es acht Glocken, die in Reih und Glied auf dem Wagen standen, als ob sie zum Einrücken vorbereitet wären. Sie waren völlig mit Reisig, Blumen und Schleifen dekoriert, was von Herrn Alsch und hiesigen Mädchen besorgt worden war. Herr Dekan Wagner, begleitet von hiesigen Professoren und dem Katecheten, hielt eine Abschiedsrede. Danach erklang ein Lied, das von dem hiesigen Chor gesungen wurde. Nach dem Lied fuhr der Wagen langsam los zum Bahnhof in Sušice - Schüttenhofen. Mit Augen voll Tränen begleiteten ihn alle bis zum Rande der Stadt. Gemeinsame Trauer hatte die Leute übermannt.“

Weder dieser „große Krieg“, noch die folgenden schweren Zeiten brachen den Willen der Einwohner Bergreichensteins und der Umgebung, die eigenen Glocken wiederzubekommen. Um diese zu erwerben, veranstaltete man trotz der Nachkriegsnot Sammlungen in der Stadt und deren Umgebung, zu den selbst die Stadt trotz ihrer Schulden einen wesentlichen Teil beisteuerte. Selbstverständlich engagierten sich die Geistlichen für die Sammlungen – besonders die Dekane Wagner und Spannbauer. Eine besondere Kommission entschied sich, Herstellung der neuen Glocken an die Firma von Rudolf Perner in Èeské Budìjovice zu vergeben. Die Perner Glockengießerei goss im Jahre 1926 für den Glockenstuhl der St. Margareten-Kirche vier Glocken, die am Sonntag 1. August 1926 gesegnet wurden. Jedoch die Bergreichensteiner sollten sich über den wunderschönen, harmonischen Klang dieser Glocken nicht lange freuen. Der Zweite Weltkrieg raubte nicht nur Menschen das Leben, sondern auch ihren Glocken. Ähnlich wie überall, mussten auch hier die Glocken für Zwecke der deutschen Kriegsindustrie abgegeben werden. Das Abnehmen der Glocken vom Turm der St. Margareten-Kirche wurde am 7. März 1942 auf dem Hauptplatz von einer großen Menschenmenge unter starker Gemütsbewegung und mit Tränen in Augen verfolgt. Die Glocken wurden dann mit der Eisenbahn bis nach Hamburg geführt und dort als Rohstoff für die Rüstungsindustrie eingeschmolzen.

Die zwischen den Jahren 1941 - 1943 durchgeführten Konfiskationen bedeuteten für die tschechischen Länder den Verlust von ca. 13 000 Glocken, wobei fast alle Glocken aus der Zeit der Ersten Republik vernichtet wurden. Der Zentrallagerplatz für die konfiszierten Glocken aus den von Deutschland besetzten Ländern, „Glockenfriedhof“ genannt, befand sich in Hamburg am Hafen, wo ca. 96 000 Stück hingerieten. Von diesen überlebten den Krieg nur 14 000.

Im Rahmen dieses Projektes ist für die Öffentlichkeit eine Ausstellung „Glocken für den Böhmerwald“ im Böhmerwaldmuseum in Kašperské Hory - Bergreichenstein vorbereitet worden. Sie erkundet die detaillierte Geschichte der Glocken und zeigt wertvolle historische Beispiele der Glockengießerkunst aus den Sammlungen von Museen in Westböhmen.